Information für unsere Vereinsmitglieder und Freunde des Vereins zur aktuellen Situation der Radrennbahn in Chemnitz.

Sichtliche Enttäuschung löste bei den engagierten Mitgliedern des Vorstandes, des Arbeitskreises Steherennen und bei der gesamten Mitgliedschaft des Radsportvereins Chemnitz Ende März 2014 eine Mitteilung der Stadtverwaltung Chemnitz aus. Danach ist das Befahren der Radrennbahn mit Schrittmachermaschinen ab sofort untersagt.

Grundlage für diesen Bescheid bildet nach Aussage des Sportamtes Chemnitz ein erstelltes Gutachten zum Zustand der Sportstätte. In ihm wird auf erhebliche Sicherheitsmängel im Zuschauerbereich und am Bahnkopf (obere Bahnumwehrung) hingewiesen.

Dieser Zustand muss als Ergebnis jahrelang mangelhafter Wartung und Pflege gewertet werden und zeugt trotz wiederholter sachlicher Hinweise aus Radsportkreisen vom sportlichen Desinteresse der Verantwortlichen im Chemnitzer Rathaus. Schließlich ist die Radrennbahn nicht die einzige Chemnitzer Sportstätte, die im Dornröschenschlaf liegt. Teile des Chemnitzer Sportforums vermitteln mittlerweile den Eindruck einer Sportanlage aus der Antike.

 

Als Ergebnis muss der RSV Chemnitz mitteilen, dass der für den 16.06.2014 vorgesehene „Preis der Stadt Chemnitz“ und der „5. Große Preis des Industrievereins Sachsen 1828 e.V.“ am 13.09.2014 ausfallen.

 

Eingeweihte Kenner der Radsportszene werden verstehen, dass damit ein Teil des traditionsreichen Radsports in Chemnitz vor dem Aus steht. Für den RSV um so schmerzlicher, da er seit 2009 die für Zuschauer attraktive Radsportdisziplin - Steherrennen - zu neuem Leben erweckt hat. Spannende Rennen und kurzweilige Rahmenprogramme wurden in der Folge den ständig mehr werdenden Zuschauern geboten. Regelmäßig gab es in den Jahren ein Stelldichein der europäischen Spitzenklasse, die gleichzeitig Weltelite verkörpert. Aktuelle und ehemalige Europameister wie Guiseppe Azeni, Mario Birrer (beide CH), Patrik Kos (NL), Timo Scholz (D) und weitere Teilnehmer aus dem Ausland lieferten sich mit der Deutschen Elite packende Zweikämpfe hinter den Schrittmachermaschinen vom Zschopauer MZ-Werk. Durch das fachkundige Chemnitzer Publikum wurde dabei der neue Lokalmatador Robert Retschke hinter Holger Ehnert frenitisch angefeuert und gefeiert.

Besondere Attraktion waren auch immer die Demonstrationswettkämpfe „Alte Meister-hinter historischen Maschinen“. Wahre Schmuckstücke, aber auch teilweise im Laufe der Zeit Patina ansetzende Schrittmachermaschinen mit einem Alter von fast hundert Jahren, wurden den Zuschauern vorgeführt. An deren Rollen demonstrierten ehemalige Bahn- und Straßenweltmeister, Olympiasieger und mehrfache DDR-Meister wie Rainer Podlesch, Günter Gottlieb, Jan Schur, Uwe Ampler, Jens Heppner und Andreas Petermann, dass sie auf dem Rennrad noch immer eine gute Figur abgeben.

Als echter sportlicher Leckerbissen und Glanzlicht im deutschen Bahnradsport entpuppte sich 2010 die Veranstaltung „50 Jahre Radweltmeisterschaft in Karl-Marx-Stadt“. Neben den bereits exzellent besetzten Steherrennen präsentierte der RSV Chemnitz als Veranstalter gemeinsam mit dem Erdgasteam 2012 die gesamte deutsche Sprintelite u.a. mit Maximilian Levy, Robert Förstemann, Carsten Bergemann im sportlichen Vergleich mit der Nationalmannschaft Neuseelands.

Als Ehrengäste wurden der Steher Arie van Houwelingen und der Schrittmacher Bruno Walrave, begrüßt. Beide Teilnehmer der Rad-WM 1960. Zu ihnen gesellten sich mit Lothar Meister I, Günter Auerswald, Peter Schindler und Dieter Thoß ehemalige Renner, die in die Chemnitzer Stehertradition nachhaltig eingegangen sind.

Auch zum „4. Großen Preis des Industrievereins Sachsen 1828 e.V.“ im vergangenen Jahr gelang dem veranstaltenden RSV Chemnitz im Rahmenprogramm ein Volltreffer. Den überraschenderweise auf internationalem Parkett für Furore sorgenden Chemnitzer Sprintern wurde die seltene Möglichkeit geboten, sich vor einer imposanten Zuschauerkulisse in ihrer Heimatstadt im Wettkampf zu zeigen. Stolz präsentierte dabei Stefan Bötticher sein gerade frisch errungenes Weltmeistertrikot. Alle Topsprinter dankten mit spannenden Sprint- und Keirinkämpfen, die das Publikum zu stehenden Ovationen hinrissen.

Unfassbar, dass sich all diese Erlebnisse auf der im Jahr 1950 auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Rolf Seyfarth erbauten Zementpiste nicht wiederholen sollen. Noch heute gilt die Bahn, auch wenn mittlerweile Hallen mit edlem Holzparkett und anderen Bahnlängen für Wettkämpfe die Norm sind, im Steherbereich als eine der weltbesten. Europameister (Weltmeisterschaften im Steherrennsport werden derzeit nicht ausgefahren) Giuseppe Atzeni aus der Schweiz äußerte bei einem seiner Auftritte in Chemnitz: „ ...wer auf dieser Bahn gewinnt, ist ein wahrer Weltmeister“. Er muss es schließlich wissen.

Unser Hoffnungsschimmer ist nun das Handlungskonzept zur Sanierung des Sportforums welches kürzlich durch unsere Oberbürgermeisterin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In diesem Konzept wird u.a. der Radrennbahn entsprechende Aufmerksamkeit entgegengebracht. In einer Stadtratssitzung am 30. 04.2014 wird durch die Abgeordneten auch darüber abgestimmt. Bleibt zu hoffen, dass die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen beschlossen und dann zügig angegangen wird.

Alle Entscheidungsträger sollten sich darüber klar sein: mit dem Verbot für Steherrennen auf der Chemnitzer Radrennbahn würde nicht nur eine Teildisziplin des Radsports, im schlimmsten Fall für immer, von der Bildfläche verschwinden.

Für unsere Stadt, die mit unterschiedlichen Werbeaktionen um ihr Image kämpft, würde auch ein realer Werbeträger verlustig gehen.

Die finanziellen Mittel, mit denen Werbekampagnen stattlich honoriert werden, welche nur Absichten und Visionen beinhalten, sollten zu Gunsten der Sanierung unserer Sportstätten eingesetzt werden. Noch haben wir Sportler die international die Stadt wirkungsvoll repräsentieren. Dazu benötigen sie aber intakte Trainings- und Wettkampfstätten.

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